07.05.2015

von B° MS

(Quelle: Mainfranken Theater Würzburg)

ANGSTFREI

Die Spielzeit 2015/2016 am Mainfranken Theater Würzburg befasst sich mit dem Thema Angst - und um deren Überwindung

Mainfranken Theater

Auch in der Spielzeit 2015/2016 stellt das Mainfranken Theater Würzburg die aufzuführenden Werke in einen Kontext wechselseitiger Erhellung. Wie in den vergangenen Jahren wurde auch dieses Mal versucht, die Gegenwart durch einen kennzeichnenden Begriff, ein Phänomen oder ein Strukturmoment "auf einen Begriff zu bringen". Nachdem das Würzburger Dreispartenhaus in der Spielzeit 2013/2014 die MACHTSPIELE als ein bestimmendes Element und Movens unserer Gesellschaft untersuchte, folgte mit GELD UND GÖTZEN eine Analyse und Wertedebatte. In der laufenden Spielzeit setzt das Theater auf historische Daten: den Ausbruch des Ersten und Zweiten Weltkriegs vor einhundert bzw. fünfundsiebzig Jahren (1914/1939/2014) sowie die Zerstörung und die Befreiung der Stadt Würzburg (1945/2015). Dass dies nicht ein bloßer Blick in die Historie ist und dass KRIEG UND FRIEDEN auch in anderen Strukturen und Mechanismen unserer Gesellschaft Alltag sind, zeigte in der vergangenen Woche die jüngste Schauspielpremiere anhand des Themas Kindesmissbrauch. Seine letzte Spielzeit am Mainfranken Theater stellt Intendant Hermann Schneider unter das Motto ANGSTFREI. Angst – ein Wort, so deutsch, dass der Begriff ein angloamerikanisches Lehnwort geworden ist: "The german angst" definiert oder ironisiert ein Lebensgefühl, das scheinbar typisch für die Mentalitätsgeschichte unserer Nation, unserer Kultur ist – von Goethes Faust über die Romantik, die Analyse als kulturstiftende Kraft des Unbewussten um 1900 und das ganze 20. Jahrhundert hindurch bis zur Zukunftsangst der Friedens- und Umweltbewegung, der man auch ein schönes Symbolwort, das heute schon vergessene "Waldsterben" verdankt.

Angst als Existenzerfahrung wird interessanterweise in den Gründerjahren des 19. Jahrhunderts als gesellschaftliches Phänomen greifbar. In jenen Jahren des unglaublichen wirtschaftlichen Aufschwungs nach 1870/1871 entstanden die Versicherungsgesellschaften. Man glaubte sich vor allem schützen zu müssen, hatte vor Unwettern und Krankheit, Arbeitslosigkeit und Tod, Diebstahl und Naturkatastrophen Angst und wollte sich diese oder deren Auswirkung – also das Leben selbst – vom Leibe halten. In einer solchen Versicherungsgesellschaft arbeitete Franz Kafka. Der große, mystische und lustige Analytiker der Existenz und seiner Krisen in der Moderne ist sozusagen der imaginäre Schirmherr der Spielzeit 2015/2016 des Mainfranken Theaters Würzburg. Warum aber ist dieses Thema virulent? Nachdem die Institutionen von Familie, Kirche und Staat ausgedient haben, ist das Grundvertrauen in eben diese verschwunden. Hegel formulierte noch, dass es die vornehme Pflicht des Staates sei, "das Tier der bürgerlichen Gesellschaft zu zähmen". Diese Zeiten sind längst vorbei: Entfesselter, globalisierter Kapitalismus, eine unumkehrbar scheinende Umweltzerstörung globalen Ausmaßes (Ozon, Klimaerwärmung), die Unübersichtlichkeit politischer Wert- und Weltordnungssysteme, der "clash of civilization", der längst in eine "civilization of clashes" mündete. Der grundsätzliche Verlust von Vertrauen und Identität höhlen das Selbstbewusstsein des Einzelnen sowie ganzer Gesellschaften aus. Dies wiederum führt in einem circulus virtuosus zu neuen Krisen und Verlusten in einer sich beschleunigenden Art und Weise, dass deren Grundbewegung negativer Erfahrung zu dem einzig verbliebenen Kontinuum und Signifikat unserer Zeit geworden scheint.

Der Soziologe Heinz Bude hat das in seinem vor kurzem erschienenen Sachbuch "Gesellschaft der Angst" eindrücklich diagnostiziert: Die Angst, ökonomisch, gesellschaftlich, grundsätzlich zu versagen, prägt die heutige Zeit, insbesondere die mittlere Generation. Diese Generation wird besonders "geängstigt" vor und von einem trügerischen sozialen Frieden. Und wie in Kafkas grandioser Kurzprosa "Auf der Galerie", wo dem immer wirbelnderen, unkontrollierbaren Leben zugeschaut wird, wünscht man manchmal, dass "ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab(eilt), in die Manege stürzte, riefe das: Halt! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters." Die Utopie der Freiheit, die Zeit, die Epoche anzuhalten, kann im Theater gelebt werden, ja soll ebengerade da gezeigt und gespielt werden. Und so zeigt das Mainfranken Theater Würzburg in allen Genres und Sparten Spielarten und Varianten der Angst (vor der Obrigkeit, vor dem Anderen, vor sich, vor dem Gefühl, vor dem Tod) und versucht dennoch auch deren Überwindung zu beschreiben.

Die Spielzeit 2015/2016 thematisiert damit mehr als ein aktuelles Lebensgefühl: Denn dieses hat seine Wurzeln in einer selbst entwurzelten Welt der Moderne. Insofern wird versucht, eine universelle Erfahrung anhand von Werken aus der Literatur-, Theater- und Musikgeschichte zu thematisieren und dadurch mit den Besuchern, den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt in einen Dialog zu kommen.

GESAMTÜBERSICHT

Musiktheater


Baldassare Galuppi
ALESSANDRO NELL’INDIE (Alexander in Indien)
WIEDERAUFNAHME-PREMIERE: 26. SEPTEMBER 2015 | GROSSES HAUS   

FRONTGARDEROBE
Eine Revue von Jürgen R. Weber
WIEDERAUFNAHME-PREMIERE: 02. OKTOBER 2015 | KAMMERSPIELE

Giuseppe Verdi
OTELLO
PREMIERE: 17. OKTOBER 2015 | GROSSES HAUS

Frank Wildhorn
JEKYLL & HYDE
PREMIERE: 21. NOVEMBER 2015 | GROSSES HAUS

Otto Nicolai
DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR
PREMIERE: 12. MÄRZ 2016 | GROSSES HAUS

Viktor Åslund
DER STEPPENWOLF
URAUFFÜHRUNG: 07. MAI 2016 | GROSSES HAUS

Wolfgang Amadé Mozart
IDOMENEO
PREMIERE: 25. JUNI 2016 | GROSSES HAUS

IM RAHMEN DER INTERNATIONALEN GLUCK-OPERN-FESTSPIELE
Luigi Cherubini
IFIGENIA IN AULIDE
KONZERTANTE AUFFÜHRUNG: 23. JULI 2016 | GROSSES HAUS


Schauspiel

Nikolai Gogol
DER REVISOR
PREMIERE: 20. SEPTEMBER 2015 | GROSSES HAUS

Heiner Müller
QUARTETT
PREMIERE: 24. SEPTEMBER 2015 | ATRIUM

Marius von Mayenburg
MÄRTYRER
PREMIERE: 12. NOVEMBER 2015 | KAMMERSPIELE

KAFKA 2.0 (AMERIKA)
Ein multimediales Theaterprojekt nach Motiven von Franz Kafka
PREMIERE: 18. FEBRUAR 2016 | KAMMERSPIELE

Arthur Miller
TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN
PREMIERE: 20. FEBRUAR 2016 | GROSSES HAUS

Kaite O’Reilly
MANDEL & SEEPFERDCHEN
PREMIERE: 24. MÄRZ 2016 | KAMMERSPIELE

Gewinner-Stück des LEONHARD-FRANK-PREIS 2015
URAUFFÜHRUNG: 25. MAI 2016 | KAMMERSPIELE

William Shakespeare
ROMEO UND JULIA
PREMIERE: 28. MAI 2016 | GROSSES HAUS


Junges Theater

JUNGER KLASSIKER – ODYSSEE SHORT CUTS
Epos von Homer
PREMIERE: 24. SEPTEMBER 2015 | KAMMERSPIELE

AN DER ARCHE UM ACHT
Kinderstück von Ulrich Hub
PREMIERE: 29. NOVEMBER 2015 | GROSSES HAUS

CHAOS IM ZAUBERWALD
Kinderoper
PREMIERE: 17. JANUAR 2016 | KAMMERSPIELE

SUPERGUTE TAGE
ODER DIE SONDERBARE WELT DES CHRISTOPHER BOONE
nach dem Roman von Mark Haddon
Bühnenfassung von Simon Stephens
PREMIERE: 07. APRIL 2016 | KAMMERSPIELE


Ballett

Anna Vita
DER FALL CARMEN
WIEDERAUFNAHME-PREMIERE: 15. OKTOBER 2015 | KAMMERSPIELE

Anna Vita
SCHEHERAZADE
PREMIERE: 23. JANUAR 2016 | GROSSES HAUS

Ballettdoppelabend
Can Arslan
LINCHPIN
+
Ivan Alboresi
DIE GLASMENAGERIE (Arbeitstitel)
PREMIERE/URAUFFÜHRUNG: 09. APRIL 2016 | GROSSES HAUS

BALLETTGALA
30. JUNI 2016 | GROSSES HAUS


Konzerte

Sinfoniekonzerte


1. SINFONIEKONZERT SEHNsucht
01. UND 02. OKTOBER 2015 | GROSSES HAUS

2. SINFONIEKONZERT DIES irae
05. UND 06. NOVEMBER 2015 | ST. JOHANNESKIRCHE

3. SINFONIEKONZERT SPIELfreudig
04. UND 05. FEBRUAR 2016 | GROSSES HAUS

4. SINFONIEKONZERT KLANGvoll
17. UND 18. MÄRZ 2016 | GROSSES HAUS

5. SINFONIEKONZERT ERSTklassik
07. UND 08. JULI 2016 | GROSSES HAUS


Sonderkonzerte

THEATERFESTKONZERT
19. SEPTEMBER 2015 | GROSSES HAUS

FILMKONZERT
NOSFERATU – EINE SYMPHONIE DES GRAUENS
23. OKTOBER 2015 | GROSSES HAUS

ELECTRONIC CLASSIC
11. UND 12. DEZEMBER 2015 | GROSSES HAUS

KONZERT ZUM JAHRESWECHSEL
30. DEZEMBER 2015 UND 1. JANUAR 2016 | GROSSES HAUS

KIRCHENKONZERT
19. FEBRUAR 2016 | AUGUSTINERKIRCHE

WAGNERGALA
06. APRIL 2016 | CONGRESS CENTRUM WÜRZBURG

ITALIENISCHE NACHT
13. UND 14. MAI 2016 | RESIDENZ WÜRZBURG

IM RAHMEN DES MOZARTFESTES
KAISERSAALKONZERT
08. JUNI 2016 | KAISERSAAL, RESIDENZ WÜRZBURG

IM RAHMEN DES MOZARTFESTES
JUPITERNACHT
03. JULI 2016 | VOGEL CONVENTION CENTER

IM RAHMEN DES WÜRZBURGER HAFENSOMMERS
SPARDA-BANK CLASSIC NIGHT
22. JULI 2016 | MAINWIESEN


Kammerkonzerte


1. KAMMERKONZERT
25. OKTOBER 2015 | TOSCANASAAL DER RESIDENZ WÜRZBURG

2. KAMMERKONZERT
06. DEZEMBER 2015 | TOSCANASAAL DER RESIDENZ WÜRZBURG

3. KAMMERKONZERT
17. JANUAR 2016 | TOSCANASAAL DER RESIDENZ WÜRZBURG

4. KAMMERKONZERT
21. FEBRUAR 2016 | TOSCANASAAL DER RESIDENZ WÜRZBURG

5. KAMMERKONZERT
10. APRIL 2016 | TOSCANASAAL DER RESIDENZ WÜRZBURG

6. KAMMERKONZERT
08. MAI 2016 | TOSCANASAAL DER RESIDENZ WÜRZBURG


Jugendkonzerte

1. JUGENDKONZERT
13. NOVEMBER 2015 | GROSSES HAUS
Jekyll & Hyde - Ausschnitte aus der Musical-Produktion

2. JUGENDKONZERT
11. DEZEMBER 2015 | GROSSES HAUS
Electronic Classic – Orchestra meets Techno-DJ

3. JUGENDKONZERT
03. FEBRUAR 2016 | GROSSES HAUS
Ludwig van Beethoven – Ein musikalisches Porträt

4. JUGENDKONZERT
21. APRIL 2016 | GROSSES HAUS
Wasser – Musik

5. JUGENDKONZERT
19. JULI 2016 | GROSSES HAUS
Die Kunst des Singens


Kinderkammerkonzerte

DER SUPERHELD IM SCHLAFROCK
06. UND 20. DEZEMBER 2015 | FOYER-CAFÉ
03. JANUAR 2016 | FOYER-CAFÉ

CAESAR & KLEOPATRA
17. APRIL 2016 | FOYER-CAFÉ
03. MAI 2016 | KAMMERSPIELE
08. MAI 2016 | FOYER-CAFÉ


Familienkonzerte

FAMILIENKONZERT
27. FEBRUAR 2016 | GROSSES HAUS
Trickfilm-Soundtracks – Von der Sendung mit der Maus bis zu den Simpsons


Babykonzerte

BABYKONZERT
09. JANUAR 2016 | FOYER-CAFÉ
16. APRIL 2016 | FOYER-CAFÉ
18. JUNI 2016 | FOYER-CAFÉ

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